Warum „Tote Mädchen lügen nicht“ eine Chance ist

Netflix produziert schon seit einigen Jahren eigene Inhalte, doch beweist der Serien- und Film-Anbieter mit der Serie  „Tote Mädchen lügen nicht“, sich auch an unangenehme Themen heranzutrauen. Mit der Romanverfilmung werden Themen wie Suizid, sexuelle Übergriffe und Mobbing behandelt. Trotz dieser Thematik scheint die Serie ein Publikum anzusprechen und dieses unterhalten zu können.

„Hey hier ist Hannah“ hört man aus den Kopfhörern. Was sich zunächst nach einer normalen Sprachnachricht anhört, wird schnell zu etwas Unwirklichem, denn Hannah Baker ist tot. Die High-School Schülerin ist allerdings nicht ermordet worden oder verunglückt. Das Mädchen hat sich bewusst das Leben genommen. Die Gründe für den Suizid und die letzten Wochen von Hannah Baker sind dabei der Handlungsrahmen der Serie.

Kurz vor ihrem Tod nahm Hannah sieben Kassetten auf, um ihrem Umfeld dreizehn Gründe zu hinterlassen, warum sie nicht mehr weiterleben wollte.

Die Handlung der Serie beginnt als eines Tages die Kassetten in einem Paket vor dem Haus des schüchternen Clay Jensen stehen. Die Zuschauer begleiten den jungen Protagonisten und erfahren mehr über die dreizehn Gründe von Hannahs Suizid, seine Beziehung zu Hannah und den Umgang mit der Situation innerhalb der Schule.
Bereits in der ersten Kassette werden alltägliche Themen im Leben eines Jugendlichen, wie Liebeskummer, Freundschaft, Erwartungen und Enttäuschung aber auch Suizid oder Mobbing, angesprochen.

Diese Thematiken sind nicht alltäglich in Serien zu finden, insbesondere nicht in Jugendserien. Eine der Stärken von „Tote Mädchen lügen nicht“ liegt hier in der Besetzung der Figuren.

So wirkt kein Charakter überzeichnet, weshalb diese allesamt authentisch erscheinen. Insbesondere dass dem Zuschauer auf Augenhöhe begegnet wird, Probleme ernst genommen werden und kein mahnender Zeigefinger erhoben wird, ist bei den angesprochen Themen wichtig. Auch die unterschiedliche Darstellung von Trauer wird über die verschiedenen Charaktere ermöglicht und zeigt dem Publikum unterschiedliche Umgangsweisen. Die Möglichkeit, sich mit einem der Charaktere zu identifizieren, löst schnell Empathie und einen neuen Umgang mit dem Thema aus. Insbesondere Dylan Minnette (als Clay Jensen), welcher an der Frage, was er mit dem Tod von Hannah zu tun hat, nahezu zerbricht, ist eine Stärke der Serie.
 
Für den offenen Umgang mit dem Thema wird die Serie auch von verschiedenen Seiten kritisiert. 
So fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte ein sofortiges Verbot. Dr. Joseph Kahl kritisiert dabei:

„Medial präsentierte Suizide ziehen häufig Nachahmertaten nach sich: der sogenannte Werther-Effekt. Deshalb gibt es internationale Richtlinien, wie über Suizide berichtet wird. Die Netflix-Serie missachtet diese Richtlinien. Sie zeigt den Suizid drastisch und detailliert.“ (Quelle: n-tv.de)

Auch von anderen pädagogischen Einrichtungen wurden Warnungen und Einschränkungen gefordert.

Trotz der berechtigten Kritik und den Warnungen ist die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ eine Chance, da es unterschiedliche Tabuthemen offen anspricht. Dabei wird dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben, sich über die verschiedenen Reaktionen der Charaktere mit der Thematik auseinanderzusetzen. Durch den fehlenden mahnenden Zeigefinger und die Begegnung des Zuschauers auf Augenhöhe, spricht die Serie sowohl ein jüngeres als auch ein älteres Publikum an. Dennoch sollte insbesondere bei einem jüngeren Publikum darauf geachtet werden, wie die Zuschauenden auf die Themen reagieren. Deswegen sollte die Chance genutzt werden, um diese Themen mit einem jüngeren Publikum zu besprochen. 

Die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ ist seit dem 31.03.2017 exklusiv auf Netflix verfügbar. Eine zweite Staffel der Serie wurde bereits offiziell für das Jahr 2018 angekündigt.

  1. Bildangabe
  2. Pressemeldung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte
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Christian Theisen

Aktuell studiert Chris Medienwissenschaften in Köln und interessiert sich für Games und deren soziale Wirkung. Außerdem studierte er für ein Jahr in Tokyo.
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2 Kommentare

  1. Ich finde sehr problematisch, dass in der Serie der Suizid als Heimzahlung/Rache fungiert und das eben auch funktioniert.- Das kann wirklich sehr leicht zu Nachahmung führen, es wird so dargestellt, als ob Selbstmord einen funktionierenden Zweck erreichen kann.

    noch dazu fand ich die Serie im vergleich zum Buch sehr tempolos, aber das ist Geschmackssache. Ich habe keine Ahnung wie daraus noch ne zweite Staffel gemacht werden los.

    Aber gut geschriebener Artikel, hat Spaß gemacht zu lesen! 🙂

    LG Anna

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