Der Sonntag vor Weihnachten hat jedes Jahr diesen besonderen Vibe, aber irgendwie auch einen gesellschaftlichen Druck. Draußen ist alles ruhig, fast zu ruhig, und trotzdem brodelt im Kopf dieses leise und irgendwie auch laute Chaos, das man nicht abschalten kann. Kein Schulstress, keine Arbeit, nur die Erwartung, dass Weihnachten perfekt sein sollte. Man sitzt zu Hause, scrollt durch Social Media und sieht Wohnzimmer, die aussehen wie aus einem Magazin, Menschen, die scheinbar mühelos strahlen, und Geschenke, die perfekt verpackt sind. Und dann fragt man sich: Ist mein Weihnachten überhaupt „gut genug“? Also im Prinzip, alles für nichts…
Gerade an diesem Sonntag merkt man, wie sehr Weihnachten heute nicht mehr aus uns selbst kommt, sondern uns von außen diktiert wird. Es geht weniger um echte Gefühle und mehr darum, wie alles aussieht. Ist das Essen fotogen genug? Steht der Baum gerade? Lächelt die Familie richtig? Alles wirkt wie eine Bühne, auf der man eine Rolle spielen muss, selbst wenn man innerlich müde, gestresst oder einfach nur ausgelaugt ist. Perfektion wird zur Erwartung, und wer sie nicht erfüllt, fühlt sich schnell wie ein Versager, obwohl das Fest an sich niemals ein Wettbewerb sein sollte.
Kapitalismus wirkt an einem stillen Sonntag noch lauter. Wenn die Läden geschlossen sind und die Werbung pausiert, merkt man erst, wie sehr das Fest von Konsum abhängig geworden ist. Geschenke ersetzen Nähe, teure Dekorationen sollen Wärme simulieren, und sogar gemeinsame Zeit wird bewertet: „Was habt ihr gemacht?“ wird zu „Was habt ihr gekauft?“ Wir haben verlernt, dass das Wesentliche kostenlos ist oder zumindest sein sollte – nicht wie die sozialen Medien uns ruinieren. Zeit, Aufmerksamkeit, echte Gespräche. Stattdessen kompensieren wir Unsicherheit mit Produkten, weil wir Angst haben, ohne sie uninteressant, ungenügend oder ungeliebt zu sein.
Der Sonntag vor Weihnachten zeigt aber nicht nur das Problem, er zeigt auch die Chance. Ohne den Druck der Einkaufsmeilen, ohne Termine, ohne die hektische Vorweihnachtsplanung bleibt plötzlich nur noch Zeit. Zeit, die unbequem, still und ehrlich ist. Und genau diese Stille macht vielen Angst, weil man sie nicht gewohnt ist. Es ist einfacher, sich hinter Kaufbelegen, Dekorationen und glänzenden Verpackungen zu verstecken, als sich echten Gefühlen zu stellen.
An solchen Tagen wird klar, wie sehr Weihnachten seine ursprüngliche Funktion verloren hat und nur noch für den Kapitalismus funktioniert. Früher war es ein Moment des Innehaltens, des Zusammenseins, des Verzeihens und des Nachdenkens. Heute ist es ein Terminkalender voller Deadlines, Geschenke-Checklisten und Social-Media-Posts. Die Magie des Festes ist überlagert von Erwartungen, Druck und Konsum-Logik. Dies ist zwar schön für den Unternehmer, doch es ist schrecklich für den Verbraucher.
Aber wenn man genau hinsieht, gibt es noch Momente, in denen das alte Weihnachten auf die komischsten Weisen durchscheint. Wenn man gemeinsam lacht, obwohl das Essen nicht perfekt ist. Wenn man schweigend nebeneinandersitzt, aber spürt, dass man zusammengehört – also ohne Handy vorallem. Wenn man einfach nur zuhört, statt ins Handy zu starren. Diese Momente zeigen, dass Weihnachten nicht verschwunden ist, es ist nur überlagert, wie ein altes Lied, das man noch hören kann, wenn man die Lautstärke runterdreht.
Vielleicht wäre Weihnachten weniger anstrengend, wenn wir wieder lernen würden, dass es in Ordnung ist, unperfekt zu sein. Dass Gespräche auch awkward sein dürfen und dass das menschlich ist. Dass Menschen nicht durch Geschenke funktionieren, sondern durch Verständnis und echte Nähe. Der Sonntag vor Weihnachten ist ein Beweis dafür. Wenn der Konsum wegfällt, bleibt Platz. Platz für alles, was wir oft vergessen, wenn wir hektisch durch den Dezember rennen.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung dieses Tages:
Nicht einkaufen.
Nicht dekorieren.
Sondern wirklich da sein.
Nicht perfekt.
Nur echt.
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