Es fühlt sich an, als würde in dieser Generation ein leises Grundrauschen liegen, das niemand richtig ausspricht, obwohl es jeder kennt… eine Müdigkeit, die nicht durch Schlaf verschwindet und nicht durch Freizeit aufgeholt werden kann. Sie ist schwerer, dichter, innerlicher. Sie sitzt irgendwo zwischen Herz und Kopf, als würde ein unsichtbarer Druck auf den eigenen Erwartungen lasten. Und je mehr man versucht, diesen Druck wegzuatmen, desto stärker schiebt er sich zurück in die eigene Brust und tut pochend weh!
Diese Müdigkeit kommt nicht einfach plötzlich. Sie baut sich Schicht für Schicht auf, wie Staub auf einer Oberfläche, die eigentlich glänzen sollte. Und es wird immer schwieriger zu unterscheiden, ob die Erschöpfung wirklich von außen kommt oder ob sie längst im Inneren Wurzeln geschlagen hat und auch trotz Entfernung für Langzeitschäden sorgt. Viele Jugendliche bewegen sich heute in einem Alltag, der gleichzeitig strukturiert und chaotisch wirkt. Einerseits wird erwartet, Ziele zu haben, klar zu denken, diszipliniert zu handeln. Andererseits verändert sich alles ständig, viel schneller, als man überhaupt reagieren kann. Es gibt kein natürliches Tempo mehr. Kein Ankommen. Nur dieses permanente Weiter. Höher, noch schneller und noch viel weiter…
Frühere Generationen hatten weniger Auswahl, aber mehr Halt. Es gab Routinen, Traditionen, familiäre Linien, die Orientierung gaben (heißt nicht, dass damals alles besser war oder die Gesellschaft ansatzweise besser war!). Heute ist da stattdessen eine Art grenzenlose Freiheit, die zwar wunderschön ist, weil jeder sich entfalten kann (zumindest wenn er Geld hat und-/oder in einem Sozialstaat bzw. in einem Industriestaat wohnt), die sich aber manchmal eher wie Orientierungslosigkeit anfühlt. Jede Entscheidung scheint wichtig, jede Chance entscheidend, jeder Fehler ein Risiko. Und aus dieser Mischung entsteht eine Form von innerem Stress, der niemanden kalt lässt. Man weiß, wie man funktionieren muss , aber man weiß nicht mehr, wie man einfach lebt.
Die Erwartungen kommen von überall. Von der Schule, der Zukunft, die man verpasst, der Familie, der Gesellschaft, von Social Media und, am härtesten, von einem selbst. Es entsteht ein eigener Anspruch, der immer weiter wächst… bessere Noten, klare Pläne, mehr Disziplin, mehr Perfektion. Es ist nicht der äußere Druck allein, der erschöpft, sondern der innere, dieser ständige Vergleich mit dem eigenen Idealbild, das nie zur Realität wird, egal wie sehr man sich anstrengt. „Leb im JETZT!“ Leicht gesagt, lässt sich aber nunmal nicht so leicht umsetzen, wie alle behaupten… Wenn ich jetzt loslasse und mich “nicht so stressen lassen soll”, heißt dies evtl. harte Arbeit in meinem zukünftigen Leben… Den Spaß, den ich jetzt habe, muss ich später mit harter Arbeit zurückzahlen. Wie soll man sich bitte in den ersten 18 Lebensjahren ausmalen, was man für immer machen möchte? Klar, es gibt die Option ein Studium abzubrechen oder sich umzuorientieren, doch dies ist leichter gesagt als getan!
Und genau hier beginnt diese tiefe, unsichtbare Form der Müdigkeit. Sie entsteht, wenn Emotionen nicht die Zeit bekommen, sich zu sortieren. Wenn Gedanken schneller werden als die Fähigkeit, sie zu verarbeiten. Wenn man sich selbst mit Erwartungen überlädt, die kein Mensch dauerhaft tragen kann. Es gibt Tage, an denen man die eigenen Gefühle nicht mal mehr richtig erkennt, weil der Kopf so voll ist mit allem, was noch getan, verbessert, kontrolliert werden muss… Überall muss man PERFEKT sein, doch ist der Mensch nicht nunmal in seiner wahren Form unperfekt?
Viele aus dieser Generation spüren jede Kleinigkeit intensiver. Jeder kleine Rückschlag fühlt sich größer an, weil er sofort mit Selbstzweifeln verknüpft wird. Jeder Erfolg fühlt sich kleiner an, weil er direkt in die Frage mündet: „Und was jetzt?“ Und wenn ein Ziel erreicht wird, gibt es einem auch keine Freude mehr, vielmehr so ein Gefühl, dass es selbstverständlich ist, dies zu erreichen und jetzt weiter. Es bleibt nie einfach gut. Es hat nie einfach Bestand. Alles ist immer nur eine Zwischenstufe, ein Übergang, ein Zustand, der sofort optimiert werden könnte. Und so wird Selbstverbesserung zum Dauerlauf, der keine Ziellinie hat.
Frauen haben für ihre Rechte so hart gekämpft, nun bin ich in meiner Situation: Ich habe freien Zugang zu Bildung, zur Selbstentfaltung, die freie Wahl einen Beruf auszusuchen, der mir gefällt. Doch wenn ich mich über meine Probleme beschwere, fühlt es sich unfair gegenüber den Menschen an, die selbst heutzutage diese Rechte immer noch nicht haben und den Frauen gegenüber, die gekämpft haben, für mich und alle anderen…
Die Müdigkeit zeigt sich besonders dann, wenn man abends still wird. Wenn die Ablenkungen wegfallen und man merkt, dass die Gedanken nicht aufhören. Sie drehen sich im Kreis, analysieren jede Handlung, jede Entscheidung. Sie fragen: „War das genug? Bin ich genug?“ Dieser innere Dialog wird zur Gewohnheit. Und irgendwann verschwindet die Fähigkeit, einfach zu sein, ohne zu prüfen, zu bewerten, zu reflektieren.
Gleichzeitig gibt es in der heutigen Welt kaum echte Ruhe. Alles ist laut… auch das, was leise wirkt. Social Media zeigt ständig, wie weit andere sind. Wie gut sie aussehen, wie organisiert sie sind, wie erfolgreich sie sind. Und selbst wenn der Kopf weiß, dass vieles inszeniert ist, fühlt es sich trotzdem real an. Die Vergleiche passieren automatisch, und sie brennen sich ein. Die eigene Realität wirkt im Vergleich immer unvollständig, immer chaotisch, immer langsamer. Das macht müde. Es macht müde, ständig im eigenen Leben den Eindruck zu haben, hinterherzurennen. Das Bewusstsein zu haben, dass die Zeit nicht auf einen wartet.
Aber trotz dieser Erschöpfung gibt es auch eine Stärke, die sich durch diese Generation zieht. Eine Sensibilität, die tiefer geht als zuvor. Ein Bewusstsein dafür, wer man sein möchte und was man vermeiden will. Ein Wille, sich selbst zu verstehen, statt sich blind anzupassen. Vielleicht ist diese Müdigkeit auch ein Zeichen dafür, dass man sich nicht einfach abfindet. Dass man spürt, was nicht funktioniert. Dass man bereit ist, die eigene Rolle im Leben bewusst zu gestalten, auch wenn es Zeit kostet.
Die Erschöpfung bedeutet nicht, dass man schwach ist. Sie zeigt vielmehr, wie sehr man fühlt, wie sehr man denkt, wie sehr man versucht, in einer Welt klarzukommen, die keine Pausen vorsieht. Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo man aufhört, unangreifbar sein zu wollen. Wo man erkennt, dass man nicht weniger wert ist, nur weil man müde ist. Dass man kein schlechterer Mensch ist, nur weil man nicht immer perfekt funktioniert.
In dieser Müdigkeit steckt ein Bedürfnis nach Ruhe, nach Sinn, nach Echtheit. Und dieses Bedürfnis ist kein Defizit, sondern eine Richtung. Es zeigt, wohin man innerlich möchte: zu einem Leben, das nicht nur aus Leistung besteht, sondern aus Momenten, die tragen. Zu Beziehungen, die nicht auf Oberfläche beruhen, sondern Tiefe haben. Zu einem Selbstbild, das nicht durch Vergleiche entsteht, sondern durch Wahrheit.
Vielleicht ist diese Müdigkeit nicht das Ende, das sie manchmal zu sein scheint. Vielleicht ist sie der Anfang eines neuen Verstehens. Eine ehrliche Art zu leben. Und vielleicht ist sie genau das, was diese Generation am stärksten macht? Die Fähigkeit, trotz allem weiterzugehen, nicht blind, sondern bewusst, mit einem Herzen, das zwar schwer ist, aber dafür wenigstens echt?
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