Die Kunst des schlechten Spiels – Deadly Premonition und der unbeabsichtigte Bruch mit den Konventionen

Mittlerweile begleitet mich Deadly Premonition seit über fünf Jahren, aber erst seit wenigen Stunden (sic!) auch als Spiel, was ich in seiner Gänze wahrnehmen konnte. Seit dem Release Anfang 2010 hatte ich mir fest vorgenommen ihm die Liebe zu schenken, die es augenscheinlich verdient hat. Was sollte schließlich an einer japanischen Low Budget Interpretation von Twin Peaks auszusetzen sein? Es war klar, dieses Spiel hat meine Hingabe verdient.
Doch leider kam Deadly Premonition nur in Japan für meine damalige Hausplattform, die PS3 raus. Europa musste sich mit einem exklusiven Xbox 360 Release zufrieden geben und so blieb mir lange Zeit nur die Folklore oder der öfters ins Auge gefasste Japan Import zu horrenden Kosten.

Schließlich wurde Deadly Premonition Ende 2013 als Director’s Cut auch in Europa für PS3 und den PC veröffentlicht und es dauerte noch einmal bis Ende 2014, respektive Anfang 2015, bis ich es geschafft hatte, das Spiel nicht nur zu kaufen, sondern mich auch zu überwinden einen lange gehegten Mythos mit der bitteren Realität abzugleichen.

Von der Story will ich nur soviel verraten: In bester Twin Peaks Manier kommt FBI Agent Francis York Morgan in die Stadt Greenvale, um den Ritualmord an Anna Graham aufzuklären. Zusammen mit der örtlichen Polizei, einer Menge Kaffee und einer zweiten Persönlichkeit namens Zach, beginnt York dem Fall nachzugehen.
Was als Grundprämisse hervorragend klingt, entpuppt sich schon in den ersten Spielsekunden als ein technisch mehr als zweifelhaftes Produkt. Das Spiel teilt sich in zwei Hauptteile, die fast so wirken als wären sie ohne größere Koordination von zwei unterschiedlichen Teams entwickelt worden. So teilt sich die Spielzeit vor allem in Actionsequenzen, in denen neben dem Lösen von Rätseln, Unmengen von stupiden, zombieähnlichen Gegnern getötet werden müssen und in dialoglastigere Abschnitte, in denen es vor allem die Spielwelt zu erkunden gibt, auf.

Deadly-Premonition-XBOX-360Leider nur mechanisch das Grauen

Ab der ersten Sekunde habe ich alle Kämpfe im Spiel gehasst und auch der leitende Entwickler Hidetaka “Swery 65” Suehiro gab später zu, dass die Actionpassagen vor allem ein vom Publisher gewünschtes Gimmick für den westlichen Markt darstellen.

Der Rest des Spiels sieht technisch ähnlich verhängnisvoll aus. Die Grafik ist für seine Qualität mittlerweile berühmt berüchtigt, der Sound grausig abgemischt und die Animationen hölzern. Ach und Open World ist das ganze natürlich auch noch, nur leider fehlt ein GPS im Auto, was die ersten Fahrten zu einer echten Herausforderung macht.
Was noch wie ein Verriss klingt, entwickelt sich, mit etwas Willen zum Durchhalten, zu einer hervorragenden Mischung aus Silent Hill und Twin Peaks.

Und so rollt schließlich drei Tage, nachdem ich das verhängnisvolle Greenvale das erste mal betreten, zusammen mit Agent York die erste Zigarette geraucht und den, zu meiner Überraschung, kurzen, aber nicht nervigen Soundtrack das erste mal gehört habe, der Abspann an mir vorbei.
Hinter mir liegt eine der intensivsten Spielerlebnisse der letzten Jahre und das obwohl es jeden Versuch des Spannungsaufbaus und Einbau sinnvoller Mechaniken selbst bravourös torpediert.
Über 20 Stunden lang habe ich mich durch schlecht platzierte und viel zu lange Aktionsequenzen gekämpft, habe ewige Autofahrten ohne GPS durchstanden und über schlecht abgemischte Dialoge gelacht.
Doch es ist eben nicht nur ein reines Trash Feuerwerk, wie das neuere Phänomen der “Bizarro Simulatoren”, die vielleicht für ein 20 Minuten Let’s Play genügend Unterhaltung bieten, aber über seine Lacher hinaus keine Substanz haben.

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Es ist unübersehbar, dass mit den meisten Erwartungshaltungen an ein modernes Spiel gebrochen wird. Die Grafik ist grausam, die Interaktionen lächerlich hölzern und auch die Story nicht immer kongruent. Diese Mischung verlangt viel von seinen Spieler*Innen ab und nicht jeder kann über die mehr als auffälligen Mängel hinwegsehen.
Aber der Zerrspiegel, der amerikanischen Kleinstadtkultur, den Deadly Premonition durch eine liebevolle japanische Interpretation dieser, auch unbeabsichtigt erzeugt, ist viel zu faszinierend um vorschnell Greenvale zu verlassen.
Es sind nicht nur die vielen Liebesbekundungen an die Spieler*Innen die mich fasziniert haben, wie das Eigenleben der bizarren Kleinstadtbewohner*Innen oder die Fliegen, die Anfangen um den Protagonisten zu schwirren, wenn er seinen Anzug zu lange nicht mehr gewaschen hat.
Rising Star Games schafft mit wenig Mitteln eine, nicht immer gut in Szene gesetzte, aber fesselnde Story und baut eine Kleinstadtatmosphäre auf, die, grade durch die Beschränktheit ihrer Selbst, erstaunlich gut funktioniert. So gibt es insgesamt 50 Charaktere mit denen die Spieler*Innen interagieren können, die alle in irgendeiner Weise mit der mysteriösen Mordserie verknüpft sind. Twin Peaks lässt mal wieder grüßen. Deadly Premonition schafft einen Kunstgriff, der den meisten Spielen so nur selten gelingt. Es meistert das Genre des schlechten Spiels!

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, außer bei Deadly Premonition.
Theodor W. Adorno

Die Immersion der Spielwelt, geschaffen aus ein paar zermatschten Texturen und der technischen Qualität eines schlecht umgesetzten PS2 Titels hat mich nachhaltig fasziniert. Die vielen Twists, die Liebe zum Detail (und dabei die schonungslose Außerachtlassung von technischen Details), der ohrwurmlastige Soundtrack der durch seinen Minimalismus und übertriebene Benutzung eher glänzt als nervt und die schlecht getimten Witze haben den Mythos von Deadly Premonition für mich noch nachhaltig befeuert.
Was bleibt ist ein Spiel, was aus dem Falschen das Richtige schafft (frei nach Adorno), aber das wahrscheinlich nur für die wenigstens zugänglich sein wird. Doch Fans des gepflegten Trashs und Freund*Innen von Lynchs Kleinstadtromantik werden für ihre Qualen mehr als belohnt. Ich blicke auf über zwanzig Stunden in Greenvale zurück und kann kaum aufhören Aufzuzählen was mich alles begeistert hat.
Und so verlasse ich Greenvale mit erfreuten Herzen und Pfeife ein Lied das sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Bilder:

Deadly Premonition – XBOX 360


http://infinitelag.blogspot.de/2010/12/7-reasons-deadly-premonition-is-goty.html
http://www.amazon.com/Deadly-Premonition-Xbox-360/dp/B002WSR8BC

Marco Siegmund

Spielt sowohl Computer als auch hauptsächlich Videospiele seitdem er denken kann. Begann seine Laufbahn mit der PSone und ist seitdem auch der Playstation als Hauptplattform treu geblieben. Abgeneigt ist er den anderen Konsolen und dem PC allerdings nicht. Als Jugendredakteur sieht er seine Aufgaben darin, das allgemeine Bild von Videospielen zu verbessern