Adventskalender #19 – Als Mensch mit Behinderung bei EveryBodys Nutcracker.Now

Mitten in dieser fragilen Gegenwart entsteht in der Nürnberger Tafelhalle etwas Außergewöhnliches. „Nutcracker.Now“ von Curtis & Co. – dance affairs und EveryBody ist mehr als eine moderne Neuinterpretation des Ballettklassikers. Es ist eine kraftvolle Antwort auf die Frage, wer eigentlich auf der Bühne stehen darf und wie inklusiver Tanz die Spielregeln der Kunst neu schreibt.​

Wenn der Rollstuhl zum choreografischen Instrument wird

Was für viele Zuschauer*innen neu sein mag, ist für das siebenköpfige Ensemble von „Nutcracker.Now“ selbstverständlich: Der ungarische Tänzer Károly Tóth tanzt im elektrischen Rollstuhl – und wie er tanzt. Der 38-jährige Performer, der bereits mit der preisgekrönten Produktion „Harmonia“ von Unusual Symptoms am Theater Bremen Aufsehen erregte, ist erstmals in Nürnberg zu erleben.​

In einer Szene, die das Publikum in atemlose Stille versetzt, wirft Tóth Walnüsse auf den Boden und knackt sie mit seinem Rollstuhl. Im wahrsten Sinne des Wortes bricht etwas auf – symbolisch und buchstäblich zugleich. Der Pas de deux zwischen Tóth und Stella Covi gehört zu jenen Momenten, in denen man im fast ausverkauften Haus eine Stecknadel hätte fallen hören können. Hier wird der Rollstuhl nicht als Hilfsmittel geduldet, sondern als vollwertiges choreografisches Instrument gefeiert, auf dem und mit dem akrobatisch geturnt wird.​

Gebärdensprache als künstlerische Ausdrucksform von Anfang an

Besonders bemerkenswert: „Nutcracker.Now“ beginnt in Gebärdensprache. Die taube Performerin Laura Polster aus Nürnberg ist Teil des Ensembles, und Gebärdensprache ist kein nachträglich hinzugefügtes Barrierefreiheits-Feature, sondern integraler Bestandteil des Bühnengeschehens. Das Stück ist visuell-performativ erfassbar konzipiert, sodass alle Vorstellungen für gehörloses Publikum geeignet sind.​

Diese Herangehensweise verkörpert das Konzept der „Aesthetics of Access“ – Barrierefreiheit wird nicht nachträglich eingebaut, sondern von Anfang an mit künstlerischem Anspruch vereint. Für Menschen mit Hörbehinderung bedeutet das: endlich nicht mehr auf Sondervorstellungen angewiesen zu sein, sondern selbstverständlich teilzuhaben.​

EveryBody – Kultur für alle, auf und vor der Bühne

Das EveryBody-Projekt unter der künstlerischen Leitung der Choreografin Susanna Curtis steht für einen Ansatz, den ich sehr lobenswert finde: „Hier ist jeder Körper willkommen“. Das mixed-abled Ensemble besteht aus sieben Performer*innen mit und ohne Behinderungen, darunter neben Tóth und Polster auch Susanna Curtis, Jürgen Heimüller, Jan Chris Pollert, Stella Covi und Emmanuelle Rizzo.​​

Barrierefreie Angebote sind bei EveryBody grundsätzlich Bestandteil jeder Produktion. Neben der integrierten Gebärdensprache gibt es Vorstellungen mit Audiodeskription für sehbehinderte und blinde Menschen sowie Relaxed Performances in entspannter Atmosphäre. Letztere ermöglichen es etwa neurodiversen Menschen, sich zu bewegen, Geräusche zu machen und den Saal bei Bedarf zu verlassen, ohne stigmatisiert zu werden.​

Die besondere Erfahrung als Mensch mit Behinderung

Für Menschen mit Behinderung im Publikum ist „Nutcracker.Now“ eine seltene Gelegenheit, sich auf der Bühne repräsentiert zu sehen – nicht als Objekt des Mitleids oder als Sonderfall, sondern als selbstverständlichen Teil eines professionellen Ensembles. Die Vielfalt des menschlichen Körpers wird gefeiert, Behinderung als Beitrag zur Diversität verstanden, nicht als Defizit.​

Dergin Tokmak, ein Tänzer aus einem früheren EveryBody-Ensemble, bringt es auf den Punkt: Er betrachtet Krücken oder Rollstuhl nicht als Hilfsmittel, sondern als Requisiten. Diese Perspektivverschiebung ist revolutionär. Wo sonst wird normalerweise auf Krücken oder im Rollstuhl geturnt und getanzt – mit derselben Selbstverständlichkeit wie auf zwei Beinen?​

Ein Märchen für fragile Zeiten

„Nutcracker.Now“ dekonstruiert den Ballettklassiker und setzt ihn neu zusammen. Die wohlbekannten Tschaikowsky-Melodien werden mit modernen Tönen ergänzt, zeitgenössischer Tanz ersetzt klassisches Ballett, Projektionen erweitern den Blick. Das Ensemble fragt sich: Können Kindheitserinnerungen – verwoben mit Geborgenheit und Nostalgie – ein Auffangnetz bieten für den Seiltanz durch den Dschungel der Gegenwart? Oder sind diese Erinnerungen selbst voller tückischer Gefahren und fragiler Stabilität?​

Die Inszenierung gibt Raum für Träume, Wünsche, Sehnsüchte und Erinnerungen in einer instabilen Welt. Sie erweckt die Fähigkeit zu staunen wieder, entdeckt die Magie des Alltäglichen und nicht Alltäglichen neu. Ein Märchen für moderne Menschen in modernen Zeiten – für Erwachsene und Kinder ab 8 Jahren.​

Warum Inklusion im Tanz so wichtig ist

Das EveryBody-Festival, das seit 2021 jährlich in Nürnberg stattfindet, will das Bewusstsein für inklusiven Tanz schaffen – vor allem im professionellen Sektor, wo ein großer Leerstand herrscht. Disability Dance beschreibt den Umgang mit Bewegung und Tanz für Menschen mit und ohne Behinderung, und Nürnberg gehört zu den wenigen Orten in Deutschland, die diesem Bereich eine professionelle Plattform bieten.​

Dass Menschen mit Behinderung genauso am kulturellen Leben teilnehmen können und sollten wie alle anderen, ist längst gesetzlich verankert – durch die UN-Behindertenrechtskonvention und das Behindertengleichstellungsgesetz. Die Realität sieht jedoch anders aus: Menschen mit Behinderung wird die Teilhabe an Kunst und Kultur oft erschwert. EveryBody leistet einen konkreten Beitrag, dies zu ändern.​

Fazit: Mehr als Barrierefreiheit

„Nutcracker.Now“ ist keine Produktion, bei der Inklusion nachträglich „hinzugefügt“ wurde. Sie ist von Grund auf inklusiv konzipiert. Der Beginn in Gebärdensprache, das Turnen auf dem E-Rollstuhl, die selbstverständliche Präsenz von Körpern aller Art, all das sind keine Sonderangebote, sondern künstlerische Entscheidungen.​​

Für Menschen mit Behinderung bedeutet das: endlich nicht mehr nur Gast sein, sondern Teil eines künstlerischen Universums, in dem Vielfalt als Stärke begriffen wird. Ein Tanzmärchen, das zeigt, dass Inklusion nicht bedeutet, allen das gleiche Kulturerlebnis zu ermöglichen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem alle spannende, informative und anregende Erfahrungen machen können.​

Die Aufführungen finden noch bis zum 6. Januar 2026 in der Tafelhalle Nürnberg statt, ein Pflichttermin für alle, die erleben wollen, wie inklusiver Tanz aussieht.

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